Braindoping: Leistung steigern mit Pillen?

Bild BraindopingIn den letzten Jahren ist der Druck auf Arbeitnehmer stetig gewachsen. Immerhin scheinen erfolgreiche Arbeitnehmer in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht mehr nur besonders leistungs- und durchsetzungsfähig, sondern auch permanent erreichbar sein zu müssen. Zudem müssen sie in der Lage sein, rasch Entscheidungen zu treffen und praktisch „auf Abruf“ zu arbeiten und zu denken. Wer dabei Schwäche zeigt, hat quasi schon verloren – sei es in der Arbeitswelt oder in der Ausbildung. Schließlich müssen inzwischen auch Studenten innerhalb kürzerer Zeit deutlich mehr leisten als frühere Akademiker-Generationen.

 

Deutsche lehnen Einsatz von Pillen überwiegend ab

 

Dieser hohe Druck geht Hand in Hand mit fatalen Folgen. Denn eine immer größere Anzahl an Menschen versucht, die eigene Leistungsfähigkeit mit Pillen zu steigern – und das, obwohl sie prinzipiell völlig gesund sind. So verbessern sie zum Beispiel mit Antidepressiva, die im Grunde für kranke Menschen gedacht sind, ihre Laune oder erhöhen mittels Amphetaminderivaten ihre Konzentrationsfähigkeit. Beim sogenannten Braindoping sind aber auch Betablocker oder Wachmacher beliebte Mittel, die dabei helfen sollen, den Blutdruck zu senken und auch nach einem langen Arbeitstag noch fit zu sein. Allerdings achtet dabei kaum jemand auf die gefährlichen Nebenwirkungen.

 

Glücklicherweise kann sich die Mehrheit der Deutschen allerdings nicht mit dem Gedanken anfreunden, Medikamente einzunehmen, um die eigene Leistungsfähigkeit zu optimieren, wie eine TNS-Emnid-Umfrage im Auftrag der Ergo Direkt Versicherungen ergab. Demnach lehnen knapp 85 Prozent der befragten Personen die Einnahme von Arzneien zur Steigerung ihrer Intelligenz ab. Nur drei Prozent gaben an, derartige Mittel schon einmal genommen zu haben. Immerhin 13 Prozent der Umfrageteilnehmer können sich zumindest vorstellen, solche Medikamente einzunehmen.

 

Verglichen mit einer Studie aus dem Jahr 2009 stieg der prozentuale Anteil an Menschen, die Braindoping betreiben, damit leicht an. Zu dieser Zeit wurden rund 3.000 Berufstätige von der DAK Krankenkasse im Rahmen des „Gesundheitsreports“ zum Thema „Doping am Arbeitsplatz“ interviewt. Damals griffen nur knapp zwei Prozent der Arbeitnehmer regelmäßig, systematisch und gezielt zu Arzneimitteln, die aus medizinischer Sicht nicht notwendig waren. Dazu gehören unter anderem Arzneien gegen Schlafstörungen, ADHS, Depressionen und Demenz sowie mehrere rezeptfreie Medikamente. Männer wollten mit der Einnahme von Pillen in erster Linie ihr Leistungspotenzial steigern, während Frauen mehrheitlich ihre Stimmung verbessern wollten.

 

Vage Daten zur tatsächlichen Verbreitung

 

In den Vereinigten Staaten sollen mehreren Studien gemäß bereits bis zu 25 Prozent aller Studenten auf medizinische Hilfsmittel zum Braindoping zurückgreifen. Hierzulande gibt es zur tatsächlichen Verbreitung noch keine sicheren Daten – eine 2012 veröffentlichte Studie des Bundesgesundheitsministeriums lässt allerdings vermuten, dass Braindoping unter angehenden deutschen Studenten noch kein Massenphänomen ist. Unter 8.000 befragten Akademikern gaben 90 Prozent an, völlig auf die Verwendung von Arzneien zur Leistungsoptimierung zu verzichten. Fünf Prozent setzten allenfalls leichte Substanzen wie homöopathische Medikamente, Vitaminpräparate oder Koffein ein. Trotzdem bleiben damit fünf Prozent übrig, die vor Prüfungen oder bei großem Stress zu verschreibungspflichtigen Schmerz-, Beruhigungs- oder Aufputschmitteln greifen.

 

Fachleute warnen vor Suchterscheinungen

 

Aber wie riskant ist der Einsatz von Medikamenten zur Optimierung der geistigen Leistungsfähigkeit wirklich und welche Nebenwirkungen kann er nach sich ziehen? In diesem Zusammenhang warnt Detlef Staadt, Diplom-Psychologe aus Offenburg, vor der gesteigerten Suchtgefahr, die aus der Eigenmedikation mit Psychopharmaka resultieren kann. Denn das gesteigerte Wohlbefinden sowie die subjektive Optimierung der eigenen Leistungsfähigkeit erhöhen psychologisch auch das Verlangen nach weiteren Pillen. Zwar gleiche das „gedopte“ Gehirn die vorhandenen Defizite augenscheinlich aus, müsse zur selben Zeit jedoch auch immer mehr leisten. Dafür braucht es wiederum erneut „chemische Unterstützung“, was zu einer gefährlichen Spirale führt.

 

Potenzielles Risiko der Persönlichkeitsveränderung

 

Bisher nicht vollkommen absehbar sind für Fachleute wie Detlef Staadt auch die Auswirkungen des chemischen Eingriffs auf die natürliche Wechselwirkung von Botenstoffen und Rezeptoren. „Es ist nicht absehbar, inwieweit dies zu Persönlichkeitsveränderungen führen kann. Die kognitive Leistungsfähigkeit und eine realistische Urteilsfähigkeit werden langfristig eher reduziert“, erläutert Staadt und warnt dabei vor einer weiteren Gefahr: „Bei einer weiteren Verbreitung von psychotropen Substanzen bestehe zwangsläufig die Gefahr, dass sich auch soziale Normen veränderten. Gesellschaftliche Erwartungen an individuelle Leistungsfähigkeit führten dann dazu, dass ein sozialer Druck zur Einnahme dieser Psychopräparate entstehe.“

 

Setzen gesunde Menschen also auf Braindoping, gehen sie damit ein äußerst riskantes Selbstexperiment ein, dessen Folgen man kaum abschätzen kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit fallen sie aber eher negativ aus und werden damit zum klassischen Eigentor, so Staadt.

 

Foto: djd/Ergo Direkt Versicherungen/Corbis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.